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Kann Essen eine Droge sein?

Übergewicht ist weltweit auf dem Vormarsch. Obwohl sein negativer Einfluss auf die Gesundheit vielfach nachgewiesen wurde, steigt die Zahl betroffener Menschen stetig an. Warum nehmen Menschen zu und wieso ist es für viele so schwer überschüssiges Gewicht zu verlieren? Auf der Suche nach Ursachen für Übergewicht und Adipositas sind Neurowissenschaftler und Psychologen dieser Frage nachgegangen. Dabei haben sie den Einfluss hochkalorischer, zucker- und fettreicher Lebensmittel auf das Gehirn und Verhalten untersucht und mit Drogen verglichen.

Laut einer gängigen Definition gehören Kontrollverlust, Toleranz und Entzugssymptome zu den Charakteristika einer Abhängigkeit. Betroffene führen die entsprechenden Substanzen in unkontrollierter Weise zu und müssen aufgrund einer Toleranzentwicklung die Dosis im Verlauf steigern, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Andererseits resultiert das Absetzen der Substanz in teils gravierenden physischen und psychischen Entzugssymptomen. In der fünften Edition des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-5), das zur Diagnose und Einteilung psychischer Erkrankungen dient, werden hingegen elf Symptome definiert, die einen Substanzmissbrauch ausmachen. Die Diagnose kann dabei auch ohne das Vorliegen der bereits genannten Symptome erfolgen.

In Tierexperimenten konnten Parallelen zwischen hochkalorischen Nahrungsmitteln und Drogen aufgezeigt werden. Sie aktivieren in ähnlicher Weise das Belohnungszentrum und weitere neuronale Schaltkreise im Gehirn und führen zur Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin, der mit dem Gefühl von Glück, Freude und Zufriedenheit zusammenhängt.
Unter experimentellen Bedingungen konnte zudem eine Zuckerabhängigkeit induziert und Entzugssymptome beobachtet werden. Die Übertragbarkeit dieser tierexperimentellen Erkenntnisse auf den Menschen wird jedoch hinterfragt. Mit Ausnahme des Koffeins konnte beim Menschen bisher für keinen Nahrungsbestandteil eine zweifelsfreie Toleranzentwicklung oder Entzugssymptomatik nachgewiesen werden.

Betrachtet man hingegen die DSM-5-Kriterien, weist das Essverhalten vieler Menschen in Bezug auf Süßigkeiten, Chips und Fast Food Charakteristika eines leichten bis mittleren Substanzmissbrauchs auf. Dazu gehören beispielsweise ein wiederkehrendes starkes Verlangen, das als „Craving“ bezeichnet wird und der Verzehr größerer Mengen als ursprünglich beabsichtigt. Ebenso zählen dazu wiederholt erfolglose Versuche den Konsum einzustellen sowie das Fortführen, obwohl bereits negative Folgen eingetreten sind.

In wenigen Fällen erfüllt das Essverhalten jedoch die Kriterien einer schweren Suchterkrankung. Beim sogenannten Binge-Eating verlieren Menschen die Kontrolle über ihr Essverhalten und verzehren in sehr kurzer Zeit enorme Nahrungsmengen. Mit der Zeit kann sich das Vollbild einer Suchterkrankung entwickeln, das mit einer gravierenden Beeinträchtigung des Privat- und Berufslebens einhergeht. Im Gegenteil zu einer Substanzabhängigkeit handelt es sich beim Binge-Eating indes um eine Störung des Essverhaltens.

Auch wenn durchaus Parallelen zwischen der Wirkung bestimmter Lebensmittelbestandteile und Suchtmitteln bestehen, können Zucker und Fett nicht mit Kokain oder Heroin gleichgesetzt werden. Zumal ihr Einfluss auf das Gehirn deutlich schwächer ausfällt. Während die Existenz suchtartigen Essverhaltens unumstritten ist, liegt nur bei einem Bruchteil übergewichtiger Menschen eine manifeste Esssucht vor.
Die gewonnenen Erkenntnisse liefern jedoch wichtige Grundlagen für mögliche Pathomechanismen des Übergewichts und könnten zukünftig von therapeutischer Relevanz sein. 

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